Viele Geschichten
Mutigen Schrittes durchschritt Nicolas das Goldene Tor, das Portal, das in der Lage war, Materie zwischen parallelen Dimensionen zu übertragen. Er atmete tief ein und die Luft einer ihm nur scheinbar bekannten Welt durchströmte seine Lungen. Wenn er den Code korrekt eingegeben hatte, so müsste das Universum, das er soeben betreten hatte, dem seinen exakt gleichen, abgesehen von einigen winzigen Unterschieden. Doch genau diese Unterschiede waren es, die er suchte. Er verließ den Tempel und davor begegnete er sich selbst; genau so, wie er es geplant hatte.
Parallel-Nicolas blickte Nicolas mit einer Verblüffung an, die man nur nachvollziehen kann, wenn man bereits selbst einmal einer fremden Person begegnet ist, die aussieht, als sei sie einem Spiegel entsprungen. „Wer- wer bist du?“, fragte Parallel-Nicolas den anderen. „Ich bin du“, antwortete Nicolas recht selbstsicher, da er solche Situationen schon öfters erlebt hatte, „Dein Name ist Nicolas?“ – „Ähm, wenn du ich bist, dann musst du doch wissen, wie ich heiße.“ – „Hmm, stimmt wohl...“, sagte Nicolas, wie in geistiger Abwesenheit, während er sich leicht zerstreut umblickte: „Ich komme aus einer parallelen Dimension. Ich weiß daher nicht sicher, was für Unterschiede zwischen dir und mir bestehen. Du bist zweiundzwanzig Jahre alt?“ Sein Alter Ego schien sich langsam an diese bizarre Situation zu gewöhnen und antwortete abnehmend verblüfft: „Exakt. Geboren am siebten April um dreiundzwanzig Uhr sieben. Aber wieso bist du hierher gekommen?“ Der erste Nicolas redete weiter, als hätte er die Frage seines Konterfeis nicht gehört: „Du bist liiert mt einer gleichaltrigen Frau namens Carla?“ Jetzt wurde Parallel-Nicolas langsam nervös, da er normalerweise sein Privatleben für sich behielt; dazu gehörte selbstverständlich auch sein Liebesleben. „Ja! Jajaja, verdammt noch mal, jetzt sag' mir endlich, worauf du hinaus willst!“
Zum ersten Male in dieser speziellen Art von Monolog zeigte sich eine menschliche Regung im Gesichtsspiel des Nicolas. Ein nervöses Zucken flog kurz über seine rechte Gesichtshälfte. Sein Puls beschleunigte sich, er war an dem Punkt angekommen, der das eigentliche Ziel seiner Reise darstellte. Er atmete noch einmal tief durch und begann dann die Rede, die er zuhause schon so oft geübt hatte. „In meiner Welt hat sich Carla vor einigen Wochen von mir getrennt. Ich bin gekommen um herauszufinden, was ich falsch gemacht habe.“ Nun verstand Parallel-Nicolas: „Indem du vergleichst, welche Unterschiede es zwischen unseren Welten gibt? Und eine von diesen Diskrepanzen muss diese Entscheidung ausgelöst haben?“ – „Genau so ist es“, stimmte Nicolas zu, mit unüberhörbarer Trauer in der Stimme. Einige Sekunden schwiegen beide, dann witterte Parallel-Nicolas seine Chance, Antworten zu erhalten und ging in die Offensive über. „Wieso ist dir das so wichtig? Die Trennung ist in deiner Welt bereits vorbei, du kannst es nicht mehr ändern.“ Nicolas widersprach: „Genau das ist der Punkt! Vielleicht kann ich es doch ändern, wenn ich nur weiß, was dazugeführt hat!“ – „Als ob man sein Schicksal ändern könnte!“
Jetzt, zum ersten Male in diesem Gespräch, war es Nicolas, der perplex war: „Wie meinst du das?“
„Schon mal etwas vom Fatalismus gehört? Das ist die völlige Ergebenheit in das eigene Schicksal.“
„Du willst damit sagen...?“
„Exakt!“ Parallel-Nicolas sprach nunmehr geradezu belehrend auf den Besucher ein: „Du solltest endlich akzeptieren, dass es zwischen euch vorbei ist. In deiner Dimension ist es einfach nicht euer Schicksal, euer Leben gemeinsam zu verbringen. Du solltest einsehen, dass du dir einfach deine wahre Liebe noch suchen musst, während ich sie in Carla schon gefunden habe.“ – „...Ich- ich denke – du hast Recht. Es war eine Unverschämtheit von mir, dich mit den Problemen meiner Welt zu belasten. Verzeih mir.“ Nicolas fühlte sich einfach nur noch innerlich tot. „Ach kein Problem! Du wirst deine Liebe schon noch finden!“ Doch der scheinbare Trost schmerzte mehr, als dass er half. Die beiden Versionen derselben Person verabschiedeten sich voneinander und gingen wieder getrennte Wege.
Nicolas kehrte in die seine Welt zurück und benötigte dort noch einige Monate um über die Trennung hinweg zu kommen, wobei es ihm sehr half, dass er Carla kaum noch sah – getreu dem Motto „Aus den Augen,aus dem Sinn.“
Schon bald gewann er seine seelische Ausgeglichenheit wieder und nach zwei weiteren leeren Jahren fand er endlich eine Frau, mit der den Rest seines Lebens zu verbringen er bereit war.
Das Goldene Tor betrat er zeit seines Lebens nie wieder, denn er hatte erkannt, wie hilfreich es wirklich ist, zu wissen, was wäre, wenn man anders gehandelt hätte. |
In der Parallel-Welt dachte Nicolas noch oft an dieses merkwürdige Gespräch, dass ihm mit zunehmender zeitlicher Distanz immer mehr wie ein bizarrer Traum erschien. Ironischerweise trennte sich Carla einen Monat nach diesem denkwürdigen Tag von ihm. Die darauffolgenden zwei Wochen – sie schienen erst der Anfang einer langen Trauerperiode zu sein – waren für ihn vor allem von Zweifel und Selbstvorwürfen erfüllt, da er angeberisch seinem Alter Ego gegenüber behauptet hatte, er und seine Carla wären sicherlich füreinander geschaffen gewesen.
Auf einem Spaziergang entdeckte er dann nach diesen zwei Wochen zufällig ein weiteres Male den Tempel, vor dem er seiner Selbst begegnet war. Er betrat ihn und fand das Goldene Tor, ein Pult mit vielen Symbolen sowie ein Buch vor, das haargenau erklärte, wie die gedrückten Symbole beeinflussten, in welche Welt das Tor führte. Nicolas' Gesicht bekam plötzlich entschlossene Züge, er wählte einen Code aus dem Buch und gab ihn auf dem Pult ein. Das Tor öffnete sich langsam, während er noch einmal überlegte, ob sein Entschluss klug war. Doch er war der Meinung, es gebe nun eh kein Zurück mehr.
Mutigen Schrittes durchschritt Nicolas das Goldene Tor, das Portal, das in der Lage war, Materie zwischen parallelen Dimensionen zu übertragen. Er atmete tief ein und die Luft einer ihm nur scheinbar bekannten Welt durchströmte seine Lungen. Wenn er den Code korrekt eingegeben hatte, so müsste das Universum, das er soeben betreten hatte, dem seinen exakt gleichen, abgesehen von einigen winzigen Unterschieden. Doch genau diese Unterschiede waren es, die er suchte. Er verließ den Tempel und davor begegnete er sich selbst; genau so, wie er es geplant hatte... |
|