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(Verfassung: 7. Christmond 2009)

Zum Nikolaus

Namen und Nationalitäten der vorkommenden Personen wurden geändert.

Samstag, fünfter Dezember. Endlich war der große Tag gekommen.
Der lang gehegte – nun gut, der am Montag spontan gefassene Entschluss – konnte endlich umgesetzt werden.
Die letzten Vorbereitungen waren bereits am Mittwoch getroffen worden. Acht Schokonikoläuse und ein Netz Orangen bunkerten im Schranke, oben auf meinem Zimmer. Vor lauter Vorfreude bemerkte ich kaum, in welcher Windeseile ich die Stufen zur Wohnung emporstieg. Dieses Jahr wurde Nicolas seinem Namen gerecht werden! Großartig! Und meine WG-Genossen wurden nicht bemerken, was sie da getroffen haben wurde!
Voller Ungeduld schloss ich die Wohnungstüre auf, trat ein, schritt, die Tür wieder zugeschmissen habend, hurtig in meine Kammer und sperrte mich darin ein. Obzwar ein Eindringling recht unschwer zu erkennen gewesen wäre, blickte ich mich nochmals um, bevor ich den Schrank öffnete. Acht Nikoläuse, acht Orangen. Für jeden je ein Stück. Für mich natürlich auch, sonst fiele am Sonntag ja gleich auf, wer der Wohltäter gewesen.
Ich machte den Schrank wieder zu und schaute auf die Uhr.
Sechzehn Uhr. Immer noch warten. Ich verzog das Gesicht. Dann musste ich wieder grinsen, denn ich konnte mich nicht erinnern, den Nikolaustag je sehnlicher erwartet zu haben denn in diesem Jahre, das wesentlich unwirtschaftlicher sein dürfte als alle bisherigen.

Drei Uhr. Nachts. Den ganzen Abend hatte ich auf den Flur gelauscht und einer Stunde seit keinen Laut mehr gehört. Zeit zu handeln.
Ein Schubfach nach dem anderen zog ich auf, bis ich endlich den Beutel fand, den ich wollte: Aus Stoff. Ein bisschen Stil musste sein, selbst obschon ich nicht gesehen werden wollte. Rasch und leise, was sich schwerer bewerkstelligen ließ, als man meint, packte ich die Schokonikoläuse und Orangen in den Beutel und schlich auf den Flur.
Stille.
So, wie es sein musste.
Da die Wände so verflucht hellhörig waren, war Vorsicht geboten. Also eilte ich breitbeinig – damit die Hosenbeine nicht aneinander scheueren und unnötige Geräusche verursachehen – bis ans andere Ende Korridors. Zuerst waren die beiden Jungs dran. Dass sie ein Schuhregal hatten, erleichterte die Sache, denn so musste ich mich nicht bis an ihre Türen stehlen. Also legte ich in die ungeputzten Turnschuhe – ich musste gewissermaßen zwei Augen zudrücken – zwei Schokoladen und zwei Orangen, dann hastete ich drei Meter zurück.
Wieder keine Stiefel, doch wenigstens waren die Schuhe sauber. Gerade steckte ich Weihnachtsmann und Orange hinein, als hinter mir ein Geräusch war, das mir das Herz in die Hose riss. Und dann wieder. Ich bemerkte, dass es sich um Seufzer aus dem hinter mir liegenden Zimmer handelte. Unser Portugiese schien Besuch von seiner Freundin zu haben. Ich grinste in mich hinein und stellte, da vor seiner Tür gar keine Schuhe standen, die Gaben direkt vor seine Tür.
Nun waren unsere Norwegerin und ihre Nachbarin dran. Da ich jener erst vor wenigen Stunden den Brauch erklärt hatte, fand ich erwartungsgemäß ein Paar glänzender Stiefeletten vor. Vor ihrer Nachbarin Tür standen zwar auch derartige, doch waren diese ungeputzt. Verzogen oder desillusioniert, dachte ich mir und verteilte zwei weitere Orangen und Nikoläuse.
Dann schlich ich wieder zu dem Ende des Flures zurück, von dem ich gekommen war. Hier war die Sache am einfachsten, denn meine Nachbarin war nicht da und ich selbst hatte einen viel zu festen Schlaf um mich beim Wichteln zu erwischen. So stellte ich die verblieben seienden Geschenke vor die zugehörigen Türen und zog mich in meine Residenz zurück.
Keinen Augenblick zu früh!
Nur Sekunden, nachdem ich den Schlüssel umgedreht, hörte ich, wie eine Tür aufging. Aus den zwei überraschten und erfreuten Stimmen hörte ich unseren Portugiesen und seine Freundin heraus. Ich ärgerte mich ein bisschen des schlechten Timings, doch als ich mich wenige Minuten später ins Bett legte, schlief ich trotzdem binnen weniger Minuten ein.

Sonntag. Sankt-Nikolaus-Tag, 10 Uhr. Am Frühstückstisch. Karl und ich schwiegen uns emphatisch an! Kein Wort ward gewechselt, während das jeweils eigene Brot verspiesen wurde. Erst als ich fertig war und mich ans Abspülen machte, frug Karl auffällig beiläufig: „Sag mal, hast du auch Geschenke bekommen?“
Nun ging es ans Eingemachte. Blüffen. Erstaunt frug ich gegen: „Hö? Geschenke?“ – „Naja, 's ist Nikolaus. Karo und ich haben was in unseren Schuhen.“ – „Mal gucken“, antwortete ich verwundert klingend. Ich war so geschickt!
Während ich den Gang entlang gang, schaute ich auch bei den Anderen vor die Tür. Karl und sein Nachbar hatten ihre Gaben noch in den Schuhen.
Weiter.
Vor des Portugiesen Tür stund nichts mehr. Er hatte das Seine wahrscheinlich schon in der Nacht ins Zimmer genommen. Die Gaben für seine Nachbarin waren dagegen noch unangetastet.
Weiter.
Auch bei unserer Norwegerin und ihrer Nachbarin sah noch alles vor sieben Stunden aus. Vielleicht der Schreck darob, dass der Nikolaus tatsächlich gekommen war.
Weiter.
Nun war ich bei mir. Meiner Nachbarin Weihnachtsmann und Orange waren natürlich unverändert. Also schaute ich in meine Stiefel.
Da war der Schokoladen-Nikolaus.
Und da war die Orange.
Und da waren noch vier Schokoriegel, von denen ich keine Ahnung hatte, wie sie da hineingekommen waren.


Bebilderung
Dies hing am Montagmorgen an der Küchentür.