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(Erste Fassung: 13 Brachet 2008; letzte Änderung: 8. Wonnemond 2009)

Offene Briefe unbekanntes Datums

übersetzt von Nico Madysa



Mein geliebter Tyrann,

ich richte mich mit diesem Brief nicht etwa als Terrorist oder als Illoyaler, der Euch zu stürzen sucht, an Euch, sondern als besorgter Bürger, der an seinem Vaterlande hängt. Als solcher muss ich Euch diesen Brief schreiben und Euch die momentane Situation der gemeinen Menschen schildern; ich werde nicht einmal umhin kommen, Euch eine – in aller Unterwürfigkeit vorgetragene – Bitte vorzutragen.
Unser Volk hat es beileibe nicht leicht. Von Tag zu Tag kosten die Waren des täglichen Bedarfes mehr; fast die Hälfte unserer arbeitsfähigen Mitmenschen finden keine Arbeit; die, die noch Arbeit haben, bekommen dafür einen Hungerlohn, für den sie der Inflation wegen immer weniger kaufen können. Am politischen Wege können wir weder die Richtung noch die Schrittgeschwindigkeit bestimmen und jeder, der es wagt, etwas gegen den Staatsmechanismus zu unternehmen, wird entweder in aller Öffentlichkeit bloßgestellt, oder still und heimlich niedergeknüppelt.
Kurz, unser Vaterland zeigt sich der Welt als schlimmer denn die am autokratischsten regierte Bananenrepublik. Und doch, obwohl jeder Einzelne hinter vorgehaltener Hand sich jeden einzelnen Tag über Euch beschwert und meint, man müsse endlich etwas gegen Euch unternehmen, Euch stürzen, eine zweite Glorreiche Revolution starten, vergeht dennoch Tag um Tag, ohne dass etwas Solches geschieht. Stattdessen sehen sich die Bürger im Fernsehen politisches Kabarett an, erzählen sich gegenseitig regierungsfeindliche Witze, freuen sich über die kritischen Karikaturen in der Tageszeitung, schmipfen jeden Tag aufs Neue über Euch, wenn sie die aktuellen Schlagzeilen in der Regenbogenpresse lesen und johlen jedesmal laut auf, wenn Ihr oder einer Eurer sinistren Minister parodiert wird. Daher möchte ich Euch als Vaterlandsfreund und nationalstolzer Unterworfener um Folgendes bitten:
Verbietet politisches Kabarett! Verbietet Demonstrationen und öffentliche Versammlungen! Zensiert die Presse bis auf jedes einzelne Wort und verhaftet Karikaturisten, verschleppt, verbietet und foltert jeden, der sich über Euch als Regime lustig macht!
Es wird Zeit, dass die Menschen aufhören, Euch als Witz zu betrachten! Es wird Zeit, dass die Menschen aufhören, ihre Wut in Schlagzeilen aufzuweichen und die Wellen ihrer Empörung an der Kabarettbühne brechen! Es wird Zeit, dass die Menschen sich wieder mit der Realität beschäftigen, anstatt sich in eine Welt zu flüchten, in der Eure Gesetze zum Lachen sind. Es wird Zeit, dass die Menschen erkennen, was Ihr wirklich macht und welche Bedrohung Ihr für uns alle seid. Sie sollen es nicht nur erkennen, sie sollen aufhören, ihre Wut ins Nichts verpuffen zu lassen. Offenbart Euch endlich als der Tyrann, der Ihr seid und zensiert die öffentliche Meinung, solange, bis sich der aufgestaute Hass auf Euch endlich als der gewaltige Blitz entlädt, der bisher nur als kleine Funken des Humors vor sich hingebritzelt hat.
Die Bürger werden sich solange nicht zu einer zweiten Glorreichen Revolution entschließen, wie Ihr ihnen die Freiheit lasst, über Euch zu murren. Ihr dürft sie knebeln, quälen, schlagen, foltern, vergewaltigen und ermorden, aber nur solange sie schreien dürfen. Verbietet ihnen endlich das befreiende Lachen, damit sie begreifen, wie lange sie schon malträtiert werden! Dies ist meine einzige Bitte, sie ist absolut ernst gemeint und ich flehe Euch an, mir diesen einen Wunsch zu erfüllen.

Es verbleibt Hochachtungsvoll

Ein Patriot




Meine geliebten Mitbürger,

Monate sind nun vergangen, seit ich einen Brief an unser Oberhaupt geschrieben, und ebenso verstrichen die Monate ohne eine Reaktion oder gar eine Antwort. Im Gegenteile, allerorts sind meine Forderungen mit Spott aufgenommen, man meinte, ich fordere unseren Herrscher auf, uns die Freiheit zu nehmen, sodass ich ihn daraufhin als Tyrannen bezeichnen können, dass ich ihn zum Despoten machen wolle um ihn als solchen zu entlarven. Dem vehement zu widersprechen sehe ich als oberste Pflicht, alldieweil ein großer Teil unserer sich immer noch nicht der Tragweite meiner Forderungen bewusst zu sein scheint.
Viele meinen, die Freiheit einzuschränken führe zum Despotismus und zu Oligarchie, womit diese Unwissenden nicht falscher liegen könnten. Gerade die Freiheit ist es, welche wir fürchten müssen, wenn wir Alleinherrscher auf Teufelkommheraus meiden wollen. Brachte denn uns nicht gerade die Demokratie in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts jenen ebenso großen wie fürchterlichen Tyrannen, der uns in einen Krieg sonders gleichen führte und dessen wir erst durch die Glorreiche Revolution los wurden? War denn nicht gerade bezeichnend, dass es dieser Mann als vom Volke gewähltes Oberhaupt geschafft hat, die Volksherrschaft zu vernichten? Wir müssen aufhören, Freiheit als Maß der Demokratie zu sehen, folgere ich!
Freiheit bringt nicht Demokratie, sie bringt Veränderung. Freiheit in der Monarchie kann Demokratie bringen, ebenso kann Freiheit in der Demokratie aber auch eine Autokratie zeugen. Wird die Freiheit beschnitten, so wird die Veränderung gehemmt und gegenteils der Status quo umso stabiler. Jener Despot vorrevolutionärer Zeiten ist in einem freien Lande zur Macht gekommen um die Freiheit anschließend abzuschaffen und so seine Position zu festigen. Ebenso wurde uns hier die Freiheit genommen, damit der jetzige Herrscher sicher an der Macht ist.
Aber forderst du denn nicht, dass die Freiheit abgeschafft werde, da wir augenblicklich in Freiheit leben?, möge nun der Eine oder der Andere unter uns mich fragen. Ja und Nein!, antworte ich darauf. Ja!, ich forderte den Herrscher auf, uns Freiheit zu nehmen, und tausendmal Nein!, wir leben momentan keineswegs in Freiheit. Freiheit ist kein gusseiserner Block, welcher unteilbar vorhanden ist oder nicht, Freiheit ist fließend und teilbar. Unsere Meinung mag frei sein, doch können wir damit nichts anfangen, da sie sich nicht in Taten manifestieren kann. Zu wählen hat keinen Sinn, weil sich die sogenannten Volksvertreter gleichen wie ein Ei dem anderen und so wie so ein jeder ihrer unserem Herrscher untersteht. Daran etwas zu ändern, indem man selbst teilnimmt, ist auch unmöglich, da nur diejenigen genug Geldes haben um einen Einfluss auszuüben, die ihm bereits unterstehen und bis wir genügend Geldes haben um unser Wort der Politik einzuflößen, macht uns der Herrscher rechtzeitig einen Strich durch die Rechnung.
Somit giebt es nur zwei Möglichkeiten, unsere Lage zu ändern. Die erste wäre, dass uns dieser Despot die gesamte Freiheit gebe, sodass wir wieder in der Lage sind, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, oder dass er uns alle Freiheit nehme, damit einem jeden klar werde, dass er sein Schicksal in die eigene Hand nehmem müsse. Letzteres war, was ich vorgeschlagen hatte.
Nun könnte man mich dessen zeihen, das bis jetzt völlig zufrieden gestellte Volk zu einem Aufstande verführen zu wollen, und man hätte durchaus Recht. Solange wir uns nicht gegen den Herrscher erheben, muss selbst ich einsehen, dass ihr unsere augenblickliche Lage für die Beste haltet. Doch lasst euch sagen, dass, was euch die beste Lage dünkt, nicht die bestmögliche Lage ist. Ich machte nichts Anderes, als über den Zaun zu schauen, und sah, wie wir leben könnten, wenn wir nur wollten. Das ist der Grund, weshalb ich die Freiheit wiederhaben will, das ist der Grund, weshalb ich mit der erhaltenen Freiheit unser Land verändern will, das ist der Grund, weshalb ich sogar das Risiko einzugehen wage, dass sich unsere Lage noch verschlechtert, wenn das überhaupt möglich ist, für all mein Handeln liegt der Grund darin, dass ich weiß, was möglich ist und was uns davon abhält.
Leute, ich fordere euch auf, über den Zaun zu schauen!

Es verbleibt

Ein Patriot