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(verfassung: 2. Jänner 2009)
Die Fabel von den Füchsen und den Hühnern
Es kamen einmal drei der Wildhühner des Waldes zu den Füchsen, welche seit Generationen erstere zu jagen und zu fressen pflegten. Wie das Federvieh die Lichtung, auf der sich die Füchse immer versammelten, betrat, machten die Füchse Scherze und freuten sich, dass das Fressen nun schon freiwillig zu ihnen komme. Da trat das mittlere der Hühner vor und sprach zu den Füchsen: Ihr, die Füchse des Waldes, jagt und fresst uns, die Hühner des Waldes, nun schon seit Generationen. Da wir, die Hühner, euch, die Füchse, mit unserem Fleisch nähren und damit euren Fortbestand sichern, fordern wir von euch unveräußerliche Rechte für alle Hühner des Waldes.
Die Füchse waren wie vor den Kopf gestoßen, sie regten sich auf, schrien, heulten und machten einen riesigen Radau. Doch das Sprecherhuhn fuhr unbeeindruckt fort: Wir fordern,
dass erstens die Füchse die unantastbare Würde der Hühner des Waldes anerkennen,
dass zweitens die Füchse die Menge der gefressenen Hühner bis in drei Jahren um mindestens dreißig Prozent reduzieren,
dass drittens die Füchse den Hühnern als Dank für das Recht, sie zu fressen, einen monatlichen Tribut von dreihundert köstlichen Würmern zahlen,
dass viertens die Füchse sich dazu verpflichten, nie wieder ein Küken, welches bekanntermaßen unschuldiges und damit übertierisches Leben darstellt, zu fressen,
dass fünftens sich die Hühner des Waldes vorbehalten dürfen zu bestimmen, welche Hühner von den Füchsen gefressen werden,
dass sechstens das Oberhaupt der Füchse in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl bestimmt wird, bei der den Hühnern das gleiche Wahlrecht wie den Füchsen zusteht und
dass siebtens und letztens ein ordentliches Gericht geschaffen wird, welches Füchse und Hühner, die gegen diese Bestimmungen verstoßen, streng, aber gerecht bestraft. Gezeichnet, das ausführende Tribunal der Waldhühnergemeinschaft.
Sowie das Sprecherhuhn geendet hatte, brachen die Füchse in laut schallendes, geradezu ohrenbetäubendes Gelächter aus. Die ganze Lichtung johlte. Als alle sich halbwegs beruhigt hatten, trat das Oberhaupt der Füchse, ein alter und grauer, aber dennoch starker Fuchs, auf das ausführende Tribunal der Waldhühnergemeinschaft zu und antwortete ihnen, mit hörbarem Knurren in der Stimme: Ach ja, und was wollt ihr tun, wenn wir das ablehnen? Wollt ihr uns totpicken? Das Huhn zurrechten des Sprechers trat hervor, blickte den Leitfuchs so würdevoll an, wie es ein Huhn nur zu können vermag, und sprach sehr ernst: In diesem Falle sehen wir uns gezwungen, diesen Wald zu verlassen und die Füchse ihrem hühnerlosen Schicksal zu überlassen. Das Oberhaupt der Füchse war für einen Augenblick sichtlich überrascht. Er wich kurz zurück, doch schnell fasste er sich wieder und entgegnete verächtlich: Pah, das schafft ihr doch nie! Habt ihr vergessen, dass außerhalb des Waldes die Wölfe leben? Die fressen euch allesamt mit Haut und Federn und lassen gar nichts von euch zurück! Ihr müsst im Walde bleiben! Nun meldete sich das bisher ruhige Huhn zurlinken zu Wort: Uns ist egal, ob uns Wölfe oder Füchse fressen. Wir haben unsere Entscheidung getroffen uns euch vorgetragen. Wir geben euch ein einwöchiges Ultimatum, danach müsst ihr euch geeinigt haben. Das Tribunal der Waldhühnergemeinschaft hat gesprochen. Und ebenso plötzlich, wie sie erschienen waren, kehrten die Hühner ohne eine Möglichkeit zum Widerspruche zu geben um verließen die Lichtung. Die Füchse waren zu überrascht um sie zu verfolgen oder gar die Hühner zu reißen. Sie blieben einfach nur sitzen und schauten dem aufrührerischen Geflügel nach.
Auf die Stunde genau eine Woche erlebte man die gleiche Szene nochmals. Dieselben Füchse genossen träge die Sonnenstrahlen, die die Lichtung in der Waldesmitte fluteten, und dieselben drei Hühner kamen in derselben, V-förmigen Formation hinzu. Wieder trat das Sprecherhuhn hervor und sprach ernsten Wortes: Eure einwöchige Bedenkzeit ist abgelaufen. Wir fordern von euch eine endgültige Entscheidung: Nehmt ihr die Verfassung der Waldhühner an? Und wie schon eine Woche zuvor lachten die Füchse laut als Antwort. Der Anführer der Füchse, diesmal stand er nicht einmal auf, antwortete glucksend: Wir scheint, ihr habt nicht den blassesten Schimmer, wie es um eure Verfassung bestellt ist! Habt ihr diese lächerlichen Forderungen etwa ernst gemeint? Die Hühner hielten eine würdevolle Pause, dann sprachen sie zu dritt, gleichzeitig, als sei es einstudiert: Todernst. Ein höhnisch bewunderndes Raunen ging durch die Reihen der Füchse, ihr Oberhaupt erhob sich, ging einige Schritte auf die Hühner zu und sprach, während es vor ihnen auf und abging: Wohlan, ehrenwertes Tribunal der Waldhühnergebeine. Die Hühner reagierten in keiner Weise auf diese Verballhornung. In diesem Falle will ich, das rechtmäßige Oberhaupt der Gemeinschaft der Waldfüchse euch die Ehre einer Antwort erweisen. Während er fortfuhr, verfiel er immer mehr in einen spöttisch-vornehmen Ton um die Hühner lächerlich zu machen. Wir, die Gemeinschaft der Waldfüchse postulieren hiermit kraft unseres Standes als unumschränkte Herrscher des Waldes,
dass wir erstens die Brücke über den reißendes Fluss im Süden des Waldes abgerissen haben,
dass wir zweitens die Bergpässe im Norden und Osten des Waldes vermittels mehrerer Steinlawinen versperrt haben,
dass wir drittens den Weg durch den Sumpf im Westen versperrt haben,
dass viertens die Hühner somit jedweder Möglichkeit zur Flucht aus dem Walde beraubt sind,
dass wir fünftens die – ähm – »Verfassung« der Hühner nicht anerkennen, sondern im Gegenteil
sechstens eine Verfassung der Füchse festschreiben und in Kraft setzen, welche
siebentens erklärt, dass die Füchse die Herrscher des Waldes und die Hühner ihre rechtlosen Untergebenen sind. Gezeichnet, das Oberhaupt der Füchse, welches nun das Tribunal der Waldhühnergemeinschaft fressen wird. Und mit diesen Worten stürtzte er sich schlagartig auf das mittlere der drei Hühner und biss ihm den Hals durch. Die anderen beiden stoben in entgegen gesetzte Richtungen, doch da wurden sie bereits von anderen Füchsen erwartet und ebenfalls gefressen.
Eine Woche wiederholte sich diese Szene. Dieselben Füchse genossen träge die Sonnenstrahlen, die die Lichtung in der Waldesmitte fluteten, doch drei andere Hühner kamen hinzu, jedoch in der bereits bekannten V-Formation. Wieder trat das mittlere Huhn hervor und sprach so würdevoll wie möglich: Wir, das zweite gewählte Tribunal der Waldhühnergemeinschaft, geben hiermit folgende Erklärung ab.
Erstens: Die Füchse haben mit den Taten der letzten Woche ihre boshafte und verachtenswerte Natur preisgegeben.
Zweitens: Die Waldhühnergemeinschaft, welche von den Füchsen all ihrer Rechte beraubt ist, tritt hiermit in den Streik. Es wird kein Ei mehr gelegt, weder bei Tag noch bei Nacht. Sollten die Füchse die Hühnerverfassung weiterhin nicht anerkennen, so werden die Hühner des Waldes in spätestens X Jahren ausgestorben und die Füchse damit zum Verhungern verdammt sein. Das Tribunal der Waldhühnergemeinschaft hat gesprochen. Und wie schon zwei Wochen zuvor, als die Füchse ebenfalls keine Gelegenheit hatten sich vorzubereiten, waren sie wieder viel zu verblüfft um auch nur auf den Gedanken zu kommen, die drei tapferen Hühner aufzuhalten. Diese Rede schien ihnen wirklich Furcht eingeflößt zu haben; sie wussten nun, dass die Hühner es ernst meinten und sie sahen ein, dass sie ohne die Hühner sterben müssten.
Wenige Tage später riefen die Füchse aus, dass ihr Oberhaupt den Hühnern etwas zu verkünden habe und dass sie sich alle auf der Lichtung versammeln sollen. Dieser Bitte kamen die Hühner nur sehr misstrauisch nach, aber sie taten es. Sowie alle Hühner auf der Lichtung waren, sprang der Leitfuchs auf den großen Baumstumpf in der Mitte der Lichtung, sodass ihn alle gut sehen konnten. Er räusperte sich kurz, dann sprach er klar und verständlich: Hühner, nach langen Beratungen sind wir, die Füchse des Waldes, zu dem Entschluss gekommen, auf eure Forderungen einzugehen. Lautes Freudengegacker unterbrach ihn, doch mit einer Geste bat er die Hühner wieder um Schweigen. Kein Küken wird je wieder von einem Fuchs gefressen werden! Binnen dreier Jahre werden wir die Menge gerissener Hühner um zwanzig Prozent senken! Und den Hühnern wird das Recht eingeräumt, zu bestimmen, welche Hühner gerissen werden! Die Hühner applaudierten laut, was etwas heißen will, denn normalerweise kann man mit Flügel nicht allzu laut applaudieren. Doch wieder wurden sie unterbrochen, diesmal von dem von ihnen gewählten Hühnertribunal. Das Sprecherhuhn drängte sich zum großen Baumstumpf in der Mitte der Lichtung und sprang gleichfalls hinauf. Es sprach den Leitfuchs direkt an: Das sind nicht unsere Forderungen! Die Hühnerverfassung hat noch einige Punkte mehr verlangt! Ein großes Schweigen machte sich breit, den Hühnern dämmerte, dass die Füchse versucht haben, sie mit kleinen Zugeständnissen abzuspeisen. Nach einigen Minuten dieses grimmigen Schweigens durchstieß das Oberhaupt der Füchse es laut auflachend: Seid ihr immer noch nicht zufrieden! Kriegt ihr den Hals denn gar nicht voll! Überlegt genau, was wir euch anbieten: Wir verzichten auf Kükenfleisch, das saftigste und leckerste Fleisch, das man finden kann! Und ihr dürft unser Oberhaupt wählen! Wir haben die allerfrechste eurer Forderungen akzeptiert! Ihr solltet mal mit dem zufrieden sein, das ihr bekommt anstatt gierig immer mehr zu verlangen!
Die Hühner schwiegen unbeirrt weiter. Das Sprecherhuhn ergriff somit erneut das Wort: Bei den unveräußerlichen Tierrechten gibt es keine Gier. Ihr seid auf uns angewiesen, daher verlangen wir auch das, was uns zusteht, nämlich die Macht über den Wald. Der Anführer der Füchse war baff ob der Chuzpe, die dieses Huhn besaß. Das kann nicht euer Ernst sein! , sagt er und vor Überraschung sackte ihm der Kiefer nach unten. Das Sprecherhuhn ging auf den Leitfuchs zu und legte den Kopf in sein offenes Maul. Beiß zu, wenn du dich traust! Ich bin genau wie jedes andere Huhn bereit, für unsere Freiheit zu sterben. Der Fuchs zog seinen Kopf weg und blickte – zum ersten Male – die Hühner furchtvoll, geradezu panisch, an.Alle blickten ihn ernst an. Er sah ein, dass die Füchse diese Auseinandersetzung verlieren würden. Und somit nahmen die Füchse des Waldes die Forderungen der Hühner des Waldes an und erklärten sie zu den einzig wahren Herrschern des Waldes und für die Hühner brach eine Zeit der Freude und Glückseligkeit an.
Die Moral von der Geschichte: Jede herrschende Gruppe herrscht nur so lange, wie ihre Untergebenen bereit sind, beherrscht zu werden. Sowie sich ein einzelner Untergebener gegen die Herrscher auflehnt und ihm andere folgen, und jeder Einzelne bereit ist, für das Gute notfalls auch sein Leben zu lassen, bringt es den Herrschern auch nichts, alle Aufrührer hinrichten zu lassen. Jeder Gruppe von Untergebenen kann zu Herrschern werden ohne auch nur einem der Herrscher Gewalt anzutun, dies muss ihnen nur klar werden.
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